Wenn Krankheit das bisherige Leben verändert und irgendwann auch der eigene Beruf wegfällt, geht es oft um viel mehr als nur um die Arbeit. Plötzlich fehlen vielleicht Aufgaben, Anerkennung, Erfolgserlebnisse oder einfach dieses vertraute Erleben, etwas bewirken und schaffen zu können.
Ich kenne diese Situation selbst.
Ich habe viele Jahre als Erzieherin gearbeitet, bis irgendwann klar wurde, dass ich gesundheitlich nicht mehr in meinen früheren Arbeitsalltag zurückkehren konnte. Mein Arbeitsplatz war noch da, geändert hat das aber nichts, denn gesundheitlich konnte ich einfach nicht zurück. Erst als ich nach der endgültigen Bewilligung meiner Erwerbsminderungsrente meinen Aufhebungsvertrag unterschrieben hatte, war diese Tür wirklich geschlossen.
Und genau da habe ich gemerkt, wie eng Arbeit, Leistung und Selbstwert miteinander verbunden sein können.
Vielleicht kommt dir das bekannt vor.
Vielleicht kannst du deinen bisherigen Beruf nicht mehr ausüben, hast deinen Job verloren oder dein Leben hat sich aus einem ganz anderen Grund so verändert, dass vieles von dem, worüber du dich früher definiert hast, plötzlich nicht mehr da ist.
Dann stellt sich irgendwann eine ziemlich unangenehme Frage:
Wer bin ich eigentlich noch, wenn ich nicht mehr leisten kann, was früher selbstverständlich war?
Darauf gibt es keine schnelle Antwort. Mir haben aber einige Gedanken geholfen, meinen Blick darauf langsam zu verändern.
Warum der Verlust eines Jobs auch den Selbstwert treffen kann
Arbeit ist für viele Menschen weit mehr als die Möglichkeit, Geld zu verdienen. Sie gibt Struktur, Aufgaben, Kontakte und oft auch das Gefühl, gebraucht zu werden.
Dazu kommen die kleinen Erfolgserlebnisse im Alltag. Eine Aufgabe erledigen. Ein Problem lösen. Etwas lernen. Am Ende eines Tages sehen, was man geschafft hat.
Fällt all das plötzlich weg, kann eine ziemlich große Lücke entstehen.
Bei mir war genau das irgendwann ein Thema. Gesundheitlich war über lange Zeit vieles eingeschränkt, Pläne mussten immer wieder verändert werden und irgendwann hatte ich zunehmend den Eindruck, kaum noch etwas auf die Reihe zu bekommen.
Mir fehlte nicht einfach nur mein früherer Job. Mir fehlten vor allem die Kinder und Jugendlichen selbst, der Umgang mit ihnen und mit den Kolleginnen und Kollegen, die Struktur, die der Alltag dort hatte. Vor allem aber fehlte mir, wirklich gebraucht zu werden, nicht nur irgendeinen Job zu machen, sondern einen, der wichtig war.
Und dazu kam noch etwas anderes: Ich kann etwas. Ich schaffe etwas.
Das zu erkennen war für mich wichtig.
1. Schau genauer hin, womit du deinen eigenen Wert verbindest
Wir leben in einer Gesellschaft, in der auf die Frage „Was machst du?“ meistens der Beruf gemeint ist.
Kein Wunder also, dass sich Arbeit und Identität im Laufe der Jahre miteinander verbinden können. Wenn der Beruf dann wegfällt, kann es sich anfühlen, als würde gleichzeitig ein Teil der eigenen Identität verschwinden.
Vielleicht hilft es dir, einmal ehrlich zu überlegen:
Woran mache ich meinen eigenen Wert eigentlich fest?
An meinem Beruf?
An meinem Einkommen?
Daran, wie produktiv ich bin?
Daran, wie viel ich für andere leisten kann?
Ich habe bei mir gemerkt, dass „etwas schaffen“ für mich eine ziemlich große Bedeutung hatte. Und genau deshalb hat es mich auch so beschäftigt, als vieles davon plötzlich nicht mehr möglich war.
2. Weniger leisten zu können macht dich nicht automatisch weniger wertvoll
Das klingt auf dem Papier wahrscheinlich selbstverständlich.
Im echten Leben fühlt es sich manchmal ganz anders an.
Gerade wenn man vorher gewohnt war zu arbeiten, Verantwortung zu übernehmen und seinen Alltag selbstständig zu organisieren, kann es schwer sein, plötzlich auf Unterstützung oder finanzielle Absicherung angewiesen zu sein.
Ich musste selbst erst lernen, dass Arbeitsfähigkeit und persönlicher Wert nicht dasselbe sind.
Das bedeutet für mich nicht, dass Arbeit unwichtig geworden ist oder dass mir Leistung heute völlig egal wäre. Ganz im Gegenteil. Ich möchte weiterhin etwas machen, lernen und aufbauen.
Aber ich versuche immer mehr zu unterscheiden zwischen:
„Ich kann heute weniger leisten“
und
„Ich bin deshalb weniger wert.“
Das ist nicht dasselbe.
3. Auch ein notwendiger Abschied darf wehtun
Manchmal glauben wir, dass wir über eine Veränderung nicht traurig sein dürfen, wenn sie objektiv notwendig oder sogar richtig war.
Bei meinem früheren Beruf wusste ich längst, dass eine Rückkehr gesundheitlich nicht mehr realistisch war. Trotzdem war es ein merkwürdiges Gefühl, als ich meinen Aufhebungsvertrag unterschrieben hatte.
Vorher war die Tür theoretisch noch offen.
Danach nicht mehr.
Man kann wissen, dass etwas nicht mehr funktioniert und trotzdem um das trauern, was einmal zum eigenen Leben gehört hat.
Das gilt nicht nur für einen Beruf. Krankheit kann einem noch viel mehr nehmen: Hobbys, Spontanität, soziale Kontakte, Träume und Pläne. Bei mir war das lange Zeit auch das Reisen, das ich kaum noch machen konnte. Inzwischen reise ich wieder, wenn auch weiterhin mit Einschränkungen. Man verliert dabei manchmal nicht nur einzelne Dinge, sondern auch ein Stück von dem Leben, das vorher selbstverständlich war.
Diese Gefühle kleinzureden bringt meiner Erfahrung nach wenig.
4. Vergleiche dein heutiges Leben nicht ständig mit deinem früheren
Das ist wahrscheinlich einer der schwierigsten Punkte.
„Früher konnte ich …“
„Früher habe ich …“
„Früher war ich …“
Solche Gedanken kommen schnell, besonders wenn Krankheit, Jobverlust oder andere große Veränderungen das eigene Leben auf den Kopf gestellt haben.
Natürlich darf man zurückblicken. Problematisch wird es für mich dann, wenn das frühere Leben zum einzigen Maßstab für das heutige wird. Denn dann kann man eigentlich fast nur verlieren.
Ich versuche deshalb immer öfter, mir eine andere Frage zu stellen:
Was ist unter meinen heutigen Voraussetzungen möglich?
Nicht gemessen an dem, was vor zehn oder fünfzehn Jahren möglich war, sondern an dem, was heute geht.
Diese kleine Veränderung in der Fragestellung macht für mich einen großen Unterschied. Das ständige Vergleichen mit früher war vor allem am Anfang ein großes Thema für mich. Nach mittlerweile vielen Jahren mit gesundheitlichen Einschränkungen mache ich das kaum noch. Ganz gewöhnt man sich wahrscheinlich nie komplett an die eigene Situation, aber ich vergleiche mein Leben heute schon lange nicht mehr ständig mit meinem alten Leben. Und inzwischen weiß ich auch, dass ich dieses alte Leben so gar nicht zurückhaben möchte.
Dieser Perspektivwechsel kam allerdings nicht schnell. Gerade in den ersten Jahren war ich vor allem damit beschäftigt herauszufinden, was gesundheitlich überhaupt mit mir los war und ob ich irgendwann wieder in mein altes Leben zurückkehren könnte. Erst viel später konnte ich anfangen, meinen Blick stärker darauf zu richten, was unter meinen heutigen Voraussetzungen möglich ist.
Wenn du selbst noch ziemlich am Anfang stehst: Du musst jetzt nicht sofort alles schaffen. Auch heute habe ich noch schlechte Tage, manchmal mehrere hintereinander. Aber ich weiß inzwischen, dass ich trotzdem an etwas für mich weiterarbeiten kann, einfach in meinem eigenen Tempo.
5. Suche nach Dingen, bei denen du wieder Selbstwirksamkeit erlebst
Selbstwert entsteht für mich nicht nur durch positives Denken.
Mir hilft viel mehr, selbst wieder etwas beeinflussen zu können.
Etwas lernen. Eine Entscheidung treffen. Ein kleines Projekt anfangen. Etwas ausprobieren. Einen Schritt machen, den ich mir selbst vorgenommen habe.
Nachdem sich mein Alltag über Jahre sehr stark um Beschwerden, Arzttermine, Diagnosen und mögliche Ursachen gedreht hatte, wollte ich mich irgendwann auch wieder mit anderen Dingen beschäftigen.
Ich wollte lernen, verstehen und wieder selbst etwas aufbauen.
Am Anfang waren das ganz einfache Dinge. Ich war zu Hause kreativ, wann immer ich konnte. Ich habe die Wohnung eingerichtet und umdekoriert, ab und zu gemalt und später auch selbstgemachte Ohrringe und einfachen Modeschmuck für mich und Freunde hergestellt. Alles in meinem eigenen Tempo.
Später kamen neue Themen dazu, in die ich mich einarbeiten konnte. In einer finanziell sehr unsicheren Zeit haben mein Mann und ich angefangen, uns mit Krypto und später auch mit Aktien zu beschäftigen. Wir haben dabei auch Fehler gemacht und Geld verloren, aber vor allem viel gelernt. Rückblickend war für mich daran nicht nur die finanzielle Seite wichtig. Es war auch etwas Neues, mit dem ich mich beschäftigen und das ich verstehen konnte.
Vielleicht war genau das auch der Anfang davon, wieder stärker nach vorne zu schauen. Ich merkte, dass ich mich gern in neue Themen einarbeite und wieder etwas lernen möchte, das mir vielleicht irgendwann auch neue Möglichkeiten eröffnet. So begann ich nach und nach zu recherchieren, wie ich mir von zu Hause aus etwas Eigenes aufbauen und vielleicht später auch online Geld verdienen könnte.
Dabei bin ich immer wieder auf Online-Kurse gestoßen, also Programme, in denen Schritt für Schritt erklärt wird, wie bestimmte Möglichkeiten funktionieren und wie man sich die nötigen Kenntnisse dafür aneignen kann.
Über die letzten drei Jahre habe ich nach und nach verschiedene solcher Kurse gekauft. Bei jedem einzelnen dachte ich zunächst: Vielleicht ist das jetzt der richtige Weg für mich. Ich bin also jedes Mal mit der Hoffnung gestartet, etwas gefunden zu haben, das zu mir, meiner gesundheitlichen Situation und meinen Möglichkeiten passt.
Erst mit der Zeit habe ich gemerkt, dass vieles davon doch nicht das Richtige für mich war. Manche Ansätze ließen sich gesundheitlich nicht gut umsetzen, bei anderen hätte ich vor allem für andere gearbeitet oder Dinge verkauft, hinter denen ich selbst nicht wirklich stand. Also habe ich manches wieder abgebrochen und später erneut nach einer Möglichkeit gesucht, die besser zu mir passt.
So bin ich schließlich bei dem Kurs gelandet, den ich aktuell mache. Dort lerne ich Schritt für Schritt, wie man einen eigenen Blog aufbaut, wie Pinterest dafür genutzt werden kann und wie Affiliate-Marketing als eine Möglichkeit funktioniert, später mit einem Blog Einnahmen zu erzielen.
Zum ersten Mal habe ich dabei das Gefühl, dass diese Art zu arbeiten wirklich besser zu meinem Leben passen könnte. Ich kann mir meine Zeit selbst einteilen, in meinem eigenen Tempo lernen und etwas aufbauen, das wirklich meines ist.
Genau das gibt mir heute wieder ein Stück von dem zurück, was mir lange gefehlt hat:
Ich kann mein Leben noch mitgestalten.
Wenn dich interessiert, wie ich mich beruflich neu orientiere und welche Möglichkeiten ich aktuell ausprobiere, erzähle ich darüber ausführlicher in meinem Beitrag „Berufliche Neuorientierung trotz Krankheit: Was passt noch zu mir?“.
6. Definiere Erfolg für dein heutiges Leben neu
Früher hätte ich Erfolg wahrscheinlich ganz anders beschrieben als heute.
Heute kann ein erfolgreicher Tag auch einer sein, an dem ich etwas erledigt habe, das mir wichtig war, obwohl gesundheitlich nicht besonders viel möglich war.
Oder wenn ich etwas Neues verstanden habe.
Einen Blogartikel fertiggestellt habe.
Eine Entscheidung getroffen habe.
Oder rechtzeitig aufgehört habe, statt mich komplett zu überfordern.
Das klingt vielleicht klein, wenn man es mit klassischen Vorstellungen von Erfolg vergleicht.
Für mich ist es das nicht.
Denn genau darum geht es für mich inzwischen bei Selbstbestimmung: nicht so zu tun, als wären meine Grenzen nicht da, sondern innerhalb dieser Grenzen wieder mehr Einfluss auf mein eigenes Leben zu bekommen.
7. Du musst noch nicht wissen, wie dein neuer Weg aussieht
Vielleicht setzt uns genau das manchmal zusätzlich unter Druck.
Wenn ein alter Lebensabschnitt endet, möchten wir möglichst schnell wissen, was als Nächstes kommt.
Was ist mein neuer Plan?
Was mache ich beruflich?
Wie verdiene ich künftig Geld?
Was soll mein neues Leben werden?
Ich kenne diese Gedanken sehr gut.
Mit 48 konnte ich mir nur schwer vorstellen, dass mein beruflicher Weg einfach komplett vorbei sein sollte. Gleichzeitig wusste ich aber auch, dass ich nicht einfach in mein früheres Leben zurückkehren konnte.
Also versuche ich heute einen anderen Weg.
Nicht mit einem fertigen Fünfjahresplan und auch nicht mit der Behauptung, dass ich schon weiß, wie alles funktionieren wird.
Ich probiere aus, lerne und schaue, was zu meinem heutigen Leben passt.
Wenn mich heute jemand Neues fragt, was ich beruflich mache, ist das inzwischen leichter als früher. Die letzten Jahre habe ich diese Frage oft als anstrengend empfunden, gerade als ich noch jünger war und immer wieder erklären musste, dass ich krank bin.
Heute kann ich sagen: Ich arbeite an etwas. Ich habe mich umorientiert. Daraus ist etwas Neues und Spannendes entstanden, an dem ich inzwischen wirklich gerne arbeite.
Vielleicht ist genau das manchmal der realistischere Anfang.
Wie sich mein eigener Neuanfang entwickelt hat und warum ich trotz meiner gesundheitlichen Einschränkungen wieder nach vorne schauen wollte, erzähle ich ausführlicher in meinem Beitrag „Trotz Krankheit neue Wege suchen – Mein Neuanfang mit 48“.
Fragen, die dir helfen können, deinen Selbstwert neu zu betrachten
Wenn du dich selbst gerade in einer Phase der Neuorientierung befindest, können ein paar Fragen helfen, etwas klarer zu sehen:
- Woran mache ich meinen eigenen Wert momentan fest?
- Was fehlt mir an meinem früheren Beruf wirklich?
- Vermisse ich die Arbeit selbst oder eher Struktur, Anerkennung, Kontakte oder Erfolgserlebnisse?
- Welche Dinge geben mir heute das Gefühl, selbst etwas beeinflussen zu können?
- Welche Erwartungen an mich stammen eigentlich noch aus meinem früheren Leben?
- Was bedeutet Erfolg unter meinen heutigen Voraussetzungen?
- Was wäre ein kleiner Schritt, der mir wieder das Gefühl gibt, mein Leben selbst mitzugestalten?
Du musst darauf nicht sofort eine perfekte Antwort haben. Manche Antworten verändern sich wahrscheinlich sogar mit der Zeit.
Mein Selbstwert hängt nicht nur davon ab, was ich leisten kann
Ich würde nicht behaupten, dass ich das Thema für mich endgültig gelöst habe.
Mir ist Leistung nach wie vor wichtig. Ich möchte etwas lernen, etwas aufbauen und mir selbst zeigen, dass trotz der Veränderungen in meinem Leben noch vieles möglich sein kann.
Der Unterschied ist für mich heute eher, dass ich versuche, meinen eigenen Wert nicht mehr ausschließlich daran festzumachen.
Mein früheres Berufsleben ist vorbei. Das heißt aber nicht, dass damit auch meine Möglichkeiten vorbei sind.
Ich weiß noch nicht genau, wohin mein neuer Weg führt. Aber ich möchte herausfinden, was heute zu meinem Leben passt und wie ich mir Schritt für Schritt wieder mehr Selbstbestimmung, Lebensqualität und auch finanziellen Spielraum aufbauen kann.
Und vielleicht geht es dir ja ähnlich.
Dann musst du nicht heute schon wissen, wie dein kompletter neuer Weg aussieht.
Irgendwann bedeutet so eine Veränderung vielleicht auch, das alte Leben Stück für Stück loszulassen und sich ein neues aufzubauen.
Eins, das man sich so nicht ausgesucht hätte. Aber vielleicht kann daraus mit der Zeit trotzdem ein Leben entstehen, das besser zu den eigenen heutigen Bedürfnissen passt.
Und vielleicht musst du heute noch nicht wissen, wie dein neuer Weg aussieht.
Aber du kannst dich fragen:
Was könnte dein nächster Schritt sein?
